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Auf die harte Tour
Eine ungewöhnliche Reise über 3.000 Km zu 7 Milongas in 5 Ländern.

9. November 2002: Begrüßungsmilonga in Bremen

Zuerst erscheinen Tänzer von weither - aus Heraklion, Wien, Berlin, Paris. Nach und nach füllt sich das Tritonia. Mit entschlossenem, geradezu verwegenem Gesichtsausdruck wird jeder Neuankömmling gemustert, ob er denn den Erwartungen entspricht. Allmählich entspannen sich die Gesichtszüge: Offensichtlich sind auch die anderen Teilnehmer ganz normale Tangoverrückte - nur vielleicht ein bisschen entschlossener, etwas Ungewöhnliches zu tun. Einige Bremer gesellen sich dazu, und nach einer recht wilden Milonga verlieren sich die Reisenden zur Nachtruhe in den unendlichen Gemächern des La Milonga.

10. November 2002: Bremen - Amsterdam - Den Haag

Nach einem gemütlichen Tangofrühstück fährt unser Bus durch den undurchdringlichen Nebel ab gen Amsterdam, und an der holländischen Grenze startet die erste Spontanmilonga auf dem Rastplatz. Bei der Ankunft im Club Ocho am Nachmittag in Amsterdam läuft die Milonga schon auf vollen Touren und die multikulturell versierten Holländer integrieren uns völlig natürlich und gelassen. Um Mitternacht vermissen wir einen unserer Tänzer: "Er sucht irgendetwas." - stimmt! Wir finden ihn in der Garderobe und entreißen ihn mit einigen Schwierigkeiten einer Einheimischen. Aber auch das gehört dazu, und er kommt noch rechtzeitig zum Geburtstags-Vals mit unserer Große-Wilde Ruth-Maria.

Die erste wirkliche Herausforderung begegnet unserer Gastgeberin für die Nacht in Den Haag, denn diese Gruppe sprengt alle Dimensionen: zuerst passen nicht alle gleichzeitig in ihre Wohnung, dann aber zeigt "die harte Tour" wie man eine normalgroße holländische Wohnung binnen kürzester Zeit entmöblieren und in ein Massenlager verwandeln kann: jeder Quadratzentimeter wird effektiv genutzt - selbst das Kasperle-Theater beherbergt einen Schläfer. Schließlich lüftet sich auch das Geheimnis der harmlosen, gleichaussehenden Wasserflaschen eines der Tänzer (Wodka, Williams-Christ, Ouzo, Rum): der Inhalt wird geprüft und vernichtet.

11. November 2002: Den Haag - Paris

Ohne den befürchteten Stau erreichen wir die Seine-Metropole. Durch geschicktes Kartenlesen kommen wir auf dem "direkten" Weg zum Espace Oxygène in den Genuss einer Stadtrundfahrt und tanzen als ein vereintes Tanzpaar (1 Herz mit 72 Füßen) am Trocadero unterhalb des Eiffelturms. Dieser höchst romantischen Szenerie können sich die Franzosen nicht verschließen und so gesellen sich spontan einige heimische Tanzpaare hinzu.

Im Espace Oxygène entfliehen einige wenige Franzosen angesichts des Ansturms von Menschen und Koffern, aber mit den dagebliebenen entwickelt sich eine nette Milonga in den Räumen von Claudia Rosenblatt. Allerdings herrscht ein gewaltiger Frauenüberschuß, und die französischen Männer sind entgegen ihres Rufes nicht so zutraulich wie gedacht. Gewöhnungsbedürftigt ist auch das Bild derjenigen, die mit dem letzten Ton der letzten Cumparsita schon mit dem Handtuch bewaffnet die Dusche entern - aber bei nur einer Dusche für so viele Personen muß man pragmatisch werden.

12. November 2002: Paris - Basel

Früher Aufbruch zur kilometermäßig längsten Etappe nach Basel. Mathis Reichel bereitet uns einen überaus warmherzigen Empfang während wir versuchen, uns an das gigantische Platzangebot zu gewöhnen, denn hier könnten sich mehrere Touren treffen. Die Einheimischen mischen sich fröhlich mit unserer mittlerweile verschworenen Truppe. Beachtenswert ist jedoch, daß man hier großen Wert auf Etiquette legt - die Männer verteilen ihre Körbe höflich aber gnadenlos.

13. November 2002: Basel - Lindau - München

Auf dem Weg nach München und nach einer kurzen sonnigen Tanzpause am Bodensee schreibt die Tourgeschichte: Einkehr zur weltweit ersten McDonalds - Mittags-Milonga. Selbst unsere Vegetarier und Antifastfooder können sich diesem Event nicht entziehen. In München angelangt, müssen wir noch eine kleine Tanzeinlage im Diana - Tempel im Hofgarten haben, bevor wir ins La Tierrita ziehen. Zu unserer Tour-Hymne (De cara a la pared von Lhasa) bekommen wir einen Ehrertanz und bestechen durch unsere sensationelle Rempelquote. Von unseren Ungefährlichkeit überzeugt, wird die Milonga sehr schön und länger als vor Ort üblich.

14. November 2002: München - Prag

Bevor wir gen Prag starten, wird noch ein kleiner Wellness-stop im historischen Münchner Müllerbad eingelegt. Aus dem eingeschmuggelten Ghettoblaster ertönt die Tour-Hymne, auf der abgegrenzten Schwimmbahn tanzen anmutige Die-hards unter Wasser und zwingen die Langstreckenschwimmer auf Zickzackkurs, eine von uns versenkt versehentlich einen Bayern, ein anderer fotografiert ungeniert - alles verboten. Macht nix, wir machen uns auf dem Weg, der im übrigen auf dieser Tour offentsichtlich das eigentliche Ziel ist!

Im schmucklosen Grenzgebaüde zur Tschechei gönnen wir uns mal wieder einen kleinen Tangostop mit Nahrungsaufnahme, während unsere Sambatours-Busfahrer Helmut aus Fulda (der auch ein hingebungsvoller Tangotänzer ist) die Einreiseformalitäten erledigt. Danach springt der Bus nicht mehr an - unerschütterlich repariert er die kleine Panne, während wir ausgelassen unsere Grenzmilonga fortsetzen.

Für die Prager kommen wir etwas zu spät im Zlata Lyra an, denn sie gehen gern alle früh schlafen. Mit den Verbliebenen feiern wir ungezwungen und herzlich. Die Nacht verbringen wir im Augustinerkloster - ein echtes Highlight für alle Die-hards, denn es gab kein warmes Wasser. Nachdem wir auf der Karlsbrücke zu Dixieland-Jazz Tango tanzen, hält uns nichts mehr. Berlin, wir kommen!

15. November 2002: Prag - Berlin

Im Walzerlinksgestrickt treffen wir wiederum mit einiger Verspätung ein und vepassen daher leider die Show von Filippo, aber dafür bieten wir selber eine - natürlich zu unserer Hymne. Viele sind extra eingereist und die Berliner haben uns offensichtlich mit viel Vergnügen erwartet. Morgens um vier ist die Tanzfläche immer noch voll, also tanzen wir im Bus weiter auf dem Weg zu Hennings Tangoloft und finden auch dort keine Ende.

16. November 2002: Berlin - Zweidorfer Holz - Hannover - Bremen

Zwischendurch verabschiedet sich immer mal wieder einer für ein Stündchen Schlaf, aber eigentlich wird bis zur Abfahrt durchgetanzt - keiner will aufhören. Irgendwie ist es unwirklich, daß eine Woche so schnell vergangen sein soll...

Danke, Petrus, für das Sonnenloch über unserem Bus, danke Helmut für deine Gelassenheit, deinen Gemeinschaftssinn und deine Fahrkünste und danke liebe Die-hards: ihr habt es geschafft, daß diese Tour nicht wirklich hart war!

Mercedes, Mark, Matthias

Mehr Bilder sind zu finden bei Alexander und bei Dinu